Eine Haltung für die Zukunft

13. Februar 2016

(TEil II von: “Was wir schaffen müssen”)

Verändern - das fängt bekanntlich am Besten vor der eigenen Haustür an. Allerdings können die Nöte der Welt nicht allein vor der deutschen Haustür gelöst werden: Dafür sind sie einfach zu groß, zu komplex. Es braucht internationale Kooperation, es braucht die Institutionen der Weltgemeinschaft und es braucht Ressourcen dazu.
Womit die Deutschen, besser: die Europäer, beginnen könnten, ist, an ihrer Sichtweise, an ihrer Reflexion und dann - an ihrer Haltung zu arbeiten. Das Zauberwörtchen zu Beginn könnte heißen: “UND”.

Die so gescholtenen Gutmenschen wollen angeblich den Flüchtlingen ein freundliches Gesicht zeigen, kennen keine Obergrenzen, treiben durch ihren grenzenlosen Humanismus unser schönes Land in den Untergang. Teile der CSU, auf jeden Fall größere Teile der AfD, PEGIDA und Neo-Nazis setzen dem als Schein-Alternative die harte Haltung entgegen: das Mißtrauen, daß die meisten Flüchtlinge nur nach Deutschland kommen als Wirtschaftsflüchtlinge, daß man ihnen allen harte Kante zeigen muss, daß im Zweifelsfall auch auf Frauen und Kinder geschossen werden muss.

Zwischen einem freundlichen Gesicht und einer klaren Haltung steht kein “ODER” wie das die in Schein-Angst vereinte Rechte suggeriert. Dazwischen steht ein “UND”: Wer ein freundliches Gesicht zeigen will, der muss um seine Grenzen, die Aufnahme- und Migrationsgrenzen der eigenen Region, der eigenen Gesellschaft wissen. Und die Lufthoheit in dieser Diskussion dürfen schon einmal gar nicht die haben, deren Lösungen am Ende Gewalt mit sich bringen.

Das freundliche Gesicht brauchen wir in einem und in fünf Jahren, wir brauchen es als Grundhaltung in dieser Welt der Fluchten. Und wir brauchen die ständige Verständigung über das neue Zusammenleben, Grenzen und Chanchen der Integration, was schaffen wir und was sollten wir uns besser nicht vornehmen.

Für die Veränderung unserer Welt zu einer Heimat für alle braucht es etwas, das die politische Rechte nicht denken wollen und vielleicht auch nicht denken können: Teilen. Im Hintergrund läuft stets ab: Wir wollen unseren Wohlstand nicht verlieren, nicht das, was wir haben. Auch wenn das im Einzelfall vielleicht nur ein Hartz IV-Anspruch ist.

Die Wahrheit bleibt: Es braucht deutliche Veränderungen in der globalen Ressourcenverteilung und es braucht neue Strategien, solche Ressourcenverteilung auch wirklich zu Produktivität in Regionen werden zu lassen, die jetzt verarmt und künftig vielleicht vom Klimawandel weiter veröden.
Helfen können da nur Staaten und ihre Zivilgesellschaften, die ihre Verantwortung verinnerlicht haben (das freundliche Gesicht) und sich sehr genau Auskunft geben über ihre Leistungsfähigkeit (die Grenzen der Integration).
Was es künftig braucht, wird nicht mehr mit freiwilliger internationaler Hilfe zun tun haben: Es wird eine Welt-Sozialpolitik sein müssen, die auf globalen Vereinbarungen beruht und von vor allem drei Gesichtspunkten geleitet ist:
- dem Rechtsanspruch auf internationale soziale Unterstützung in zu definierenden Notsituationen eines Staates, einer Region, einer Bevölkerung (Welt-Sozialpolitik)
- die Finanzierung der Welt-Sozialpolitik aus Abgaben auf unproduktiv erzielte Gewinne (vgl. Tobin-Vorschlag)
- die Gestaltung dieser Unterstützung als aktivierende Unterstützung, das sind alle Formen, die geeignet sind, die Initiative der Menschen anzureizen und zu unterstützen (Beispiel Mikrokredite)
Der Aufstand der Bürger/innen, die endlich einmal die Wahrheit sagen und jetzt endlich einmal offen über die Kriminalität und den Sexismus der Flüchtlinge sprechen wollen und den rechtspopulistische Parteien schüren, ist eine Gefahr für die Handlungsfähigkeit demokratischer Staaten: Er untergräbt mit der politischen Legitimation zugleich auch den politischen Mut zur zukunftsfähigen Gestaltung des Gemeinwesens.
Die Weltgemeinschaft steckt mit Klima-und Armuts-Problemen in einem großen Transformations-Druck: Gelingt es, globale Lösungen zu finden?
Diese Transformation mit zu gestalten - das braucht neue Haltungen , um die es zuallererst zu ringen gilt.

Ach ja, vor allem ein zivilgesellschaftlich geprägtes Europa könnte hier eine treibender Akteur werden.

Was wir schaffen müssen…

2. Januar 2016

Jetzt werden das alte Europa und die Deutschen eingeholt von einer ganz anderen Seite der Globalisierung.
Nicht nur die Exportzahlen sind 2015 gestiegen - auch die Anzahl der Menschen, die wegen Krieg, Verfolgung und drohender Verarmung in das “Kern-Europa” fliehen und in die Länder wollen, die zu den Gewinnern der Globalisierung gehören.
Die wachsende Zahl von Flüchtlingen löst in der Bevölkerung vor allem Gefühle aus: Ressentiments gegen “die Fremden”. Die Unterstellung, dass unter ihnen auch Terroristen nach Europa “eindringen”. Eine Art sentimentale Empathie und Beifall auf dem Münchener Hauptbahnhof, als die Flüchtlinge eintreffen. (Beifall für Menschen, die die Brücken hinter sich abrechen mussten? Die alles verloren haben, beraubt von skrupellosen Schleppern? Um ihre Heimat gebracht von Regimes, die ihre staatliches Amt als Legitimitation für ihre Selbstbedienung verstehen?)
Gefühle sind in dieser Lage keine guten Ratgeber. In Deutschland schon gar nicht.
Wir sind das Volk und jetzt braucht es Informationen, eine emotionslose Verständigung über die Situation. Nicht nur über die bei uns und an unseren Grenzen. Vor allem weltweit.

Was Not tut…
Schon wieder tarnt sich Angst- und Hass-erfüllte Hetze gegen Flüchtlnge als national.
Und Zeitgenossen mit vorkriminellen Einstellungen, die Brandanschläge und Körperverletzung für legitime Akte halten, verkleiden sich im Mantel der Meinungsfreiheit und als sog. politische Auffassung.
Das Propagieren von Emotionen, von Angst und Hass gegen Flüchtlinge hat ein politisches Ziel und soll vor allem eins bewirken: die Spaltung des Publikums in Deutschland vorantreiben.
Und natürlich gibt es solche Ängste und Hass.
Politisch geht es aber jetzt vor allem um Klärung.
Emotionslose Klärung: Wie will sich die Mehrheit unseres Volkes künftig in der globalen Welt positionieren?
In einer Welt, in der Armut und Krieg nicht verschwunden sind?
In der die Menschen zugleich über Informationen und Mittel verfügen, dies nicht mehr als unabänderliches Schicksal hinzunehmen und davor zu fliehen?
Die Ignoranz oder auch perfide Verteufelung solcher Fluchten hat einen Namen: “Wirtschaftflüchtling”.
Als wenn einer, der diese Bezeichnung benutzt, selbst lieber in Armut und Krieg umkäme, um eben nicht “Wirtschaftsflüchtling” zu werden…?
“Wirtschaftsflüchtling” - das ist der verzweifelte Versuch, seines eigenen Glückes Schmied zu bleiben. Seines eigenen Glückes Schmied zu sein - das war historisch im Nachkriegs-Deutschland der Stoff, aus die Marktwirtschaft gebaut wurde.
Alle sog. Wirtschaftsflüchtlinge verhalten sich im Kern also marktwirtschaftlich.
Wir werden es drehen und wenden können wie wir wollen: Gewaltsam und mit Sanktionen werden die Ströme der Flüchtlinge auf Dauer nicht aufzuhalten sein. Solche Entwicklungen stoppen auch nicht einzelne Staaten oder einzelne Staaten-Bündnisse.
Es geht um Herausforderung der Art wie sie der Klima-Wandel darstellt.
Es geht darum, einer anderen Art von Klima-Wandel ins Auge zu sehen, Gestaltungsräume zu erkennen und zukunftsfähige Haltungen zu entwickeln. (Es sind schon ganz andere beim Versuch gescheitert, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen des Jahrhunderts mit militärischer Gewalt ihre Lösungen aufzuzwingen.)
Die schlechte Nachricht für alle Volkstümler, Nationalisten und Freunde der alten Ordnung: Es wird kein “Zurück” in den guten alten Nationalstaat geben.
Die Herausforderung für alle Demokraten/Demokratinnen: Wir brauchen einen Diskurs mit dem Publikum, welchen Beitrag unser Land, welchen Beitrag Europa leisten wird, um zu helfen, eine der jetzt anstehenden Aufgaben einer globalisierten Menschheit zu lösen. Wir brauchen eine Verständigung darüber, wie wir Wirtschaft und Soziales neu ordnen können und für “gute” Regierung sorgen.
Weltweit.
Und die gute Nachricht: Die hundertausenden Flüchtlings-Helfer/innen zeigen, dass wir offensichtlich über eine große und eine furchtlose Armee verfügen, die als engagierte Zivilgesellschaft die Änderungen mitgestalten will.
Sie sind auf dem Weg zum richtigen Weg. Andere auf einem Holzweg in unwiederbringbare Vergangenheiten.

Globales Elend
Unser Ausgangspunkt: Deutschland ist ein demokratischer Rechtsstaat und das deutsche und internationale Recht bilden die Spielregeln, nach denen die staatliche Organe mit Menschen umzugehen haben, die in unser Land fliehen.
Dieser Rechtsrahmen ist jetzt anzuwenden, denn er gilt und ein anderes (und besseres!) Recht haben wir nicht.
Der Rechtsrahmen ist jetzt anzuwenden, auch wenn Los-Größe und die Anzahl der nach Deutschland fliehenden und hier einreisenden Menschen ein wirkliches Problem darstellt.
Eine Million Menschen zu registrieren und jeweils individuell festzustellen, welchen Rechtscharakter ihr Aufenthalt und ihre Einreise hat - das ist für jedes staatliche System ein immenses Problem.
Dabei stammt das derzeit geltende (internationale) Recht aus einer anderen Zeit und einer anderer Welt.
Mit der Genfer Flüchtlingskonvention reagierte die internationale Staatengemeinschaft vor allem auf Erfahrungen mit Nazi-Deutschland und auf die Tatsache, dass in der Hitler-Diktatur der deutsche Staat mithalf, Teile seiner eigenen Bevölkerung zu verfolgen, einzusperren und zu ermorden. Die Konvention sollte den den Status des Einzelnen als Flüchtling in einem anderen Land - und damit die Flucht aus Verfolger-Staaten - sichern.
Ob die Vorstellungen, die dieses Recht leiteten, für die heutige globalisierte Welt allein noch ausreichen, ist zu hinterfragen. Zum Beispiel die Vorstellung, dass die Welt umspannt ist von Staaten, die in der Lage sind, Flüchtlinge nach den Normen der Genfer Konvention zu behandeln. Oder die Vorstellung, dass Flucht vor den eigenen Staatsorganen Ausnahme-Situation ist. (Schon allein die Größe der globalen Flüchtlingsströme verweist auf das Gegenteil.)
Zu den Zeiten, in denen Staaten sich international auf die Genfer Konvention verpflichteten, gab es für die Bürger/innen kein Internet, keine globalen Informationsmöglichkeiten und den Bruchteil der heutigen Reisemöglichkeiten auf unserem Globus.
Auch heute stehen Staaten im Krieg, gibt es Staaten, die Gruppen ihrer eigenen Bevölkerung verfolgen und zerfallende Staaten, die keine ausreichenden wirtschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen mehr für ihre Bewohner/innen schaffen können.
Heute stehen sie Menschen und einer Bevölkerung gegenüber, die nicht nur informiert genug sind, das alles nicht als unabänderliches Fatum anzuerkennen, sondern die auch bereit sind, ihr Land zu verlassen und die - wie korrekt informiert auch immer - auch eine Idee davon haben, wohin sie gehen.
Und “Flüchtling” - das bezeichnet längst nicht mehr den Status von Minderheiten.
“Flüchtling” - das ist in unserer Welt heute eine Lebensform geworden, die vor allem den eigentlichen Zustand unseres globalen Wirtschafts- und Sozialgefüges anzeigt: das Armus- und Reichtumsgefälle, das politische Gefälle in den Regierungen, globale Armuts- und Umelt-Migration.
Als Flüchtling zu leben und leben zu müssen, das zeigt den “Qualitäts”-Zustand unserer globalen Gemeinschaft an: die wirtschaftliche und soziale Ungleichheit, der Mangel an an “guten” Regierungen (Mehrzahl!), der fehlende und demokratische Einfluß auf Wirtschaft und Gesellschaft.
Der name für globales Elend ist heute eben “Flüchtling”.
Als deutsches und europäisches Publikum können wir das alles ignorieren und die Opfer (die Flüchtlinge) zu Tätern machen. Es wird uns wenig nutzen, denn die Welt ändert sich dadurch nicht. Es kommt nicht darauf an, uns die Welt schön zu interpretieren, indem wir neue schwarze Schafe entdecken: Es kommt darauf an, diese Welt der vielen Fluchten zu verändern.

(wird fortgesetzt)

Probleme einer Deutschen Bank oder Vom wirtschaftlichen Scheitern des Neoliberalismus

30. Oktober 2015

Zumindest eins funktioniert derzeit bei der Deutschen Bank: Medienarbeit.
Faktisch stellen nämlich die Schock-Nachrichten zum Abbau von rd. 9000 Stellen und der Ankündigung, dass die Deutsche Bank zwei Jahre keine Dividende zahlen werde, einen interessanten Coup dar.
John Cyran hat den Blick der Medien gleichzeitig in die Richtungen “vorne” und “innen” gelenkt, in Richtung “Zukunft” und die Entwicklungen im Inneren des Bankhauses selbst.
Insbesondere die Zeige-Richtung “vorne” hat etwas Gruseliges: Sie lenkt aber schon einmal den Blick wunderbar ab von Entstehungsgeschichte der Krise: Wie bitte ist das größte deutsche Bankhaus in diese Situation gekommen? Welche Geschäftspolitik ist hier eigentlich gescheitert? Und wer bitte trägt die Verantwortung dafür?
Die Zeigerichtung nach innen und auf den geplanten Sanierungsprozess nimmt zugleich die äußeren Rahmenbedingungen für die Entstehung einer Krise aus der Aufmerksamkeit: Wie waren denn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen? Und wer von den für die Gesetzgebung Verantwortlichen hat die Deutsche Bank gewähren lassen? (Gab es da nicht eine Kanzlerin, die den Vorstandsvorsitzenden zum Geburtstags-Kaffee eingeladen hatte?)
Einer vom Kaliber Cryan hat sowohl zu den Gründen des Scheiterns der Geschäftspolitik als in Hinblick auch auf die (politische) Umwelt seiner Bank eine Analyse in der Tasche: Im Unterschied zu manchem seiner Vorgänger hat er bislang darauf verzichtet, außerhalb seines Hauses diese Analyse jemand auf die Nase zu binden.
Mit den von ihm eingeschlagenenen Zeigerichtungen “vorne” und “innen”, gelingt Cyran vielmehr, die Bedingungen und Gründe des Scheiterns des größten deutschen Bankhauses aus der öffentlichen Diskussion zu halten.
Respekt!
Die Fachpresse folgt weitgehend Cyrans Zeigefinger und sie übt sich überwiegend in personalisierten Schuldzuweisungen an das alte Management.
Da müht sich dann nur noch Rudolf Hickel als “linker” Wirtschaftswissenschaftler redlich, sein Analyse der Bank nachzurufen. Allerdings ist Hickels Analyse dieses Mal weniger ökonomisch als vielmehr moralisch gefärbt.
In einem Interview mit dem DEUTSCHLANDFUNK meint Hickel: “Wenn man etwa denkt dran, dass der CO2-Emissionshandel, dass da betrogen worden ist, wenn man daran denkt, dass auch Wertpapiere verpackt worden sind, die nichts wert sind, aber verkauft worden sind. Am Ende sind das alles Unternehmen, die eigentlich nur von einer Kraft getrieben werden, nämlich relativ hohe Renditen schnell zu erzielen. Und das Gemeinsame ist, und das ist das Erschütternde auch für insgesamt in der Verallgemeinerung für den deutschen Standort, das Gemeinsame ist, dass die Kontrollmechanismen, dass die Unternehmensstruktur nicht mehr ausreicht, solche Dinge früh zu erkennen und sie abzustellen.”
Das einfache Strickmuster: “relativ hohe Renditen schnell … erzielen” und - die Unternehmensstruktur reicht nicht mehr aus, solche Dinge früh zu erkennen und sie abzustellen… Anders ausgedrückt: Da waren Betrüger unterwegs und die Kontrolle versagte…
Karl Marx, einer von Hickels Lehrmeistern, bietet dagegen an, die Akteure in der Marktwirtschaft als “Personifikation ökonischer Kategorien” zu betrachten, als Träger bestimmter Interessen, die - so Marx - Geschöpfe der Verhältnisse bleiben.
Anders ausgedrückt: Nicht, dass Akteure sich unmoralisch verhalten haben und gegen die Regeln, sondern daß sie einer spezifischen geschäftlichen Moral gefolgt sind und ihrer gemäß sich regelkonform verhalten haben - das hat zur Krise geführt.
So ist die Krise der Deutschen Bank entstanden unter Rahmenbedingungen, die viel von dem hatten, was die neoliberale Auffassung und der Monetarismus Chicagoer Provienz als ordnungspolitisch optimal ansehen: So bestanden nur eingeschränkte Vorschriften zur Regulierung und eine Kontrolle des Vorstands sollte vor allem von innen und durch Aufsichtsrat und Aktionäre ausgeübt werden.
Dieses Mal kann also für das Scheitern der Geschäftspolitik der Deutschen Bank schon einmal nicht die Regulierungs-Wut der Politiker verantwortlich gemacht werden.
Die Bank ist in diesem Umfeld mit ihrem neoliberalen Ansatz gescheitert, sich kurzfristig aus der Zurückhaltung und Vorsicht - vielleicht: der Provinzialität - einer deutschen Bank im Wettbewerb der angloamerikanischen Banken zu platzieren. Um im intenationalen Finanzsystem mitspielen zu können, braucht es eine andere Größenklasse von Umsatz und Gewinnen: Das Versprechen einer kurzfristigen Anpassung an geänderte Marktverhältnisse, brachte den Vorstand in einen selbstgeschaffenen Handlungszwang. Wenig reguliert ist es konsquent, wenn dann die maßgeblichen “Macher” der Bank auch einmal nicht legale Wege gehen, um Umsätze zu generieren.
Dem neoliberalen Denken sind dabei innere oder äußere Sperren für ein solches Vorgehen fremd: Mit der Forderung nach der Beseitigung aller rechtlichen Einschränkungen wirtschaftlichen Handelns wird das Konzept des ehrbaren Kaufmanns antikes Ausstellungsstück…
Wie gesagt: Gescheitert ist die Bank, weil sie versucht hat, ihre Version “neoliberaler” Geschäftspolitik umzusetzen - nicht am Gegenteil…
Daß bis dahin die Politik nicht eingriff, hat mit der besonderen Situation der Staaten nach der Phase der Keynesiansichen Wirtschaftspolitik zu tun: Die Staaten sind hochverschuldet, für ein deficit spending sind keine Mttel mehr da.
Wie dann die Nachfrage auf krisenhaft stotternden Märkten hochhalten?
Das braucht dann den (wenig regulierten und risikobereiten) Banker, der seine Rolle gerne spielt, wenn die Boni stimmen…
CROUCH spricht davon, dass unter dem Strich das neoliberal orientientierte Agieren den Eliten - übrigens auch den gescheiterten Vorständen - weiterhin “hochgradige Zuwächse an Geld und Macht” einbringt.
Die Kreditfinanzierung privater Nachfrage mitsamt dem dazu notwendigen immensen Finanzbedarf der Banken ist eine weitere Variante der gekauften Zeit: Ist eine unregulierte globale Marktwirtschaft in the long run wirklich in der Lage, die in ihrem Inneren laufende wirtschaftliche und soziale Umverteilung zu kompensieren?
So schick ist ja die Bühne des globalen Wirtschaftens gar nicht, auf der die DeutschBanker spielen wollten: Über 80 Prozent der Weltbevölkerung leben von weniger als 10 US-Dollar am Tag und auf die reichsten 10 Prozent entfallen etwa 85 Prozent des weltweiten Vermögens.
Die Krise des Frankfurter Geldhauses und ihre konkreten sozialen Folgen werden vor allem jene 9000 zu spüren bekommen, die jetzt entlassen werden. 9000 Mitarbeiter/innen einer Deutschen Bank.

Das alte Europa: Ohne Griechenland? (Teil 2)

19. Juli 2015

Weil Griechenland in Europa kein wirtschaftliches Problem ist, sondern ein gesellschaftliches und ein politisches, scheint das bisherige Krisen-Management - soweit für den normalen Zeitungsleser erkennbar - einigermaßen falsch angelegt.
Das Krisen-Management folgt dem Kommunikations-Modell “Gläubiger-Schuldner”. Danach hat Kommunikation vor allem die Bedeutung “Drohung”, zum Beispiel mit den Sätzen “Wenn Du Dich nicht so und so verhälst, dann werde ich das Geld sofort zurückfordern! Und Dich auch pleite gehen lassen!”
Spätestens seit 2012 hätte erkennbar sein müssen, dass dieses Kommunikations-Modell und der darin enthaltene massive finanzielle Druck der Gläubiger nur bedingt das erreicht, was das Modell zu erreichen vorgibt: gesellschaftliche und politische Änderungen in Griechenland. Und für die neueste Runde der Verhandlungen scheint zu gelten: Mehr vom selben…
Ach ja - und dann berappelt sich das griechische Volk?
Ziel eines Krisenmanagement müssten ja gesellschaftliche und politische Änderungen in Griechenland sein.
Diese Entwicklungen können nur die Europäer und Europäerinnen initieren, die in Griechenland leben.
Die anderen Europäerinnen und Europäer können solche Initiativen nur unterstützen:
Erstens mit dem Versuch der gemeinsamen Analyse der griechischen Situation. Das wäre vor allem notwendig zusammen mit einer vollkommen neuen und unerfahrenen griechischen Regierung: Ministerpräsident Tsipras repräsentiert - Linker hin, Linker her - die Generation, denen eine Art Jahrhundert-Umsteuern ihres Landes gelingen muss. Die Probleme Griechenlands lassen sich nicht allein in Kategorien von Wirtschaft und Finanzen fassen: Sie müssten umfassender bestimmt und Wege ihrer Lösung gesucht werden. Fehlende Steuer-Disziplin, Korruption, lähmende Bürokratie, eine Kultur, die vor allem die eigene Familie sieht und mit dem Gemeinwesen wenig am Hut hat - mit Kommunikation als Drohung kommt man da vermutlich nicht weit.
(Außerdem: Die neoliberale Drohgeste der Europäischen Institutionen ist ja auch implizit ein gesellschaftliches und politisches Verhaltensmodell im Tarnkleid wirtschaftlicher Vernunft. Modell: Der Mensch verändert sich nur unter Druck. Der Grieche sowieso.)
Zweitens - Verbindlichkeit. Dazu ist in der Tat ein komplexer Maßnahme-Katalog zu vereinbaren, wie die Probleme anzugehen sind, zu bearbeiten, zu verändern. An dieser Stelle wird auch wirtschaftlicher und finanzieller Druck vernünftig - schließlich hat Griechenland erhebliche Verpflichtungen. Allerdings gilt, was Fristen dazu angeht: Kollektive und in der Kultur eingeschriebene “Gewohnheiten” ändern sich leider nicht kurzfristig. Das dauert: Vielleicht eine Generation? Dem müssten auch Rückzahlungs-Modi Rechnung tragen - sonst kommt es immer wieder zu neuen finanziellen Problemen.

Die Europäische Einigung folgt nicht dem nationbuilding der Deutschen und Bismarcks Kriegsführung.
Die Europäische Einigung braucht eine andere Qualität der politischen Führung.
Political leadership, die nicht auf gegenseitigen Drohungen beruht.
Nicht auf dem Dabei-Stehen und zuschauen.
Eine Führung, die Gemeinschaft stiftend ist und zu allererst anerkennt, dass “Griechenland” nur die Chriffre ist für ein gemeinsames Thema aller Europäer und der Europäischen Institutionen.
Europa ist mehr ist als die Summe des Handelns einzelner Nationen.
Das Thema erfordert gemeinsames Handeln - also auch eine tiefe gesellschaftliche und politische Änderung in Griechenland.
Wer sie so einläutet, dass Menschen die mit der Situation in ihrem Land verbundenen “schlechten Nachrichten” nicht zu hören brauchen, weil sie sich wunderbar mit Drohungen beschäftigen können - der hat den ersten Teil der Aufgabe schon verpaßt.
Kein Europäisches Volk wird die Botschaft ohne weiteres hören wollen, die das griechische Volk jetzt aufzufassen und zu verarbeiten hat: Nichts mehr wird sein wie zuvor!
Von der ersten Sekunde des Krisenmanagements galt es, an dem Potential des Landes anzusetzen.
Und Griechenland, sein Volk, seine Gesellschaft hat dieses Potential, sich zu entwickeln.
Das Land entwickelt sich, wenn sich sein Volk entwickelt und - wenn sich sein Volk auch entwickeln kann.
Viele junge Griechen wollen an einem anderen Griechenland mitbauen - eine junge und an Europa orientierte Schicht, die Generation, in deren Biografie sich das Schicksal nicht nur von Griechenland, sondern vielleicht auch von Europa, entscheiden wird.
Die an den Mißständen und dem Stillstand in ihrem Land verzweifeln.
Die eine Vision brauchen, die über den misantropischen Neoliberalismus hinausgeht.
Und die ihren Regierungschef brauchen, wenn der aufhört, linke Kritik für Regierungspolitik zu halten.
Herr Tsipras, hic Rhodos…!
Können Linke das noch - Menschen für positive Ziele und Visionen motivieren?
Innovation in Griechenland entzünden? Menschen neue Perspektiven geben?
Kann das griechische Linke?
Wenn ja, dann wird vielleicht ein anderes Europa erkennbar.
Ein unternehmerisches Europa, das weder neoliberal orientiertes Konzern-Handeln ist und den Konzern-Eintritt in lukrative Staats-Besitz und Staatsnachfrage sucht noch linke Kritik-Rhetorik, die eher Verdrossene aus der Ecke holt und meint, der Staat richte es schon.
Wir sind nicht so vermessen, der griechischen Regierung zu raten.
Für die Ideen-Sammlung:
- Rasch ein ökonomisches Forum in Athen, in dem die aktuellen Debatten der Wissenschaftler um den richtigen ökomischen Weg zeitnah vor Ort und öffentlich geführt werden.
- Innovations-Konferenzen in den griechsichen Regionen, in denen Menschen neue Ideen entwickeln können - und neue Energien.
- Neue Unternehmens-Gründungen, vor allem deutsch-griechische, die Orte werden im gegenseitigen Wissens- und Kultur-Transfer.
Das alte Europa braucht Griechenland. Die Jungen dort.
Ihre Ideen, ihr Handeln.
Ihr unternehmerisches Talent.
Unsere Unterstützung aus dem Verständnis, dass wir alle auf einem Floss sitzen.

Das alte Europa: Ohne Griechenland? (Teil 1)

19. Juli 2015

Wenn Griechenland eine Kapitalgesellschaft wäre, dann wäre Griechenland insolvent.
Und wenn jetzt Griechenland wirklich insolvent wäre, wäre dies in erster Linie kein allein wirtschaftlich zu lösendes Problem.
Weder volkswirtschaftlich noch betriebswirtschaftlich.
Insolvenz (Zahlungsunfähigkeit) - Das ist das Ende von als volks- oder betriebswirtschaftlich zu beschreibenden Problemen von Marktteilnehmern, weil es Ende von deren Wirtschaften ist.
Was allenfalls bleibt: arbeitslose Mitarbeiter/innen, deren dann wirtschaftliche Probleme, Schulden der Unternehmer, deren dann - vielleicht! - hartes Leben, in der deutschen Phantasie: Hartz 4 für alle.
In Marktwirtschaften scheidet ein insolvente Unternehmen aus dem Markt aus.
Und Griechenland ?
Scheidet diese Region, die “Wiege der Demokratie”, aus dem Euro-Zusammenhang und dem Weltmarkt aus?
Die Antwort ist eindeutig: Es kommt darauf an…
Wer dem Land Darlehen gewährt und seine Zahlungsfähigkeit erhält, der sorgt dafür, dass Griechenland im Euro bleibt.
Wer ihm die Darlehen vorenthält, der sorgt für ein GREXIT.
Beide Möglichkeiten stellen keine vor allem als wirtschaftliche Probleme zu verstehende Entwicklungen dar.
Beide Möglichkeiten sind - nicht nur in europäischen Gesellschaften - vor allem eine gesellschaftliche und politische Herausforderung, ja auch eine der Wirtschaftspolitik.

Griechenland gehört in die EU. Griechenland gehört in die Euro-Zone.
Griechenland gehört gerettet.
Die Begründung ergibt sich - übrigens: leider! - nicht aus dem, was heute als “linke” Auffassung kursiert.
Diese “linke” Auffassung ist ehrenwert: humanistisch, in der Perspektive der kleinen Leute, gegen die Verelendung eines Volkes in Europa.
Leider hat sie seit Marxens Zeiten den Kern-Gap nie überwinden können, der schon in dessen Werk enthalten ist: Analyse und Verständnis des Kapitalismus brillant - und jetzt? Was tun?
Der Marxismus-Gap liegt zwischen der Analyse und dem gestalterischem Handeln in Gesellschaft und Politik - an eben diesen gestalterischen Ansätzen hapert es.
So mag vieles der Kritik an der EU und den internationalen Finanzinstutionen ja zutreffen: Aber kömmt es nicht darauf an, die Welt zu verändern? Nur wenn Kritik erster Schritt in einer Grundlage fürs Handeln wird, macht sie intellektuell Sinn. Sonst ist sie eher mit Seelenproblemen und Nörgelei verwandt.

Nein - Griechenland gehört gerettet, weil die Lösung der Probleme dieses Landes nur zeigen, welche Anforderungen ein künftiges Europa - das EUROPA 4.0 - an uns Europäer/innen stellt.
Griechenland zu retten - das ist nicht allein die Rettung eines Mitgliedsstaats der EU: Es ist die Selbst-Rettung eines Kontinents der nationalen Egoismen. Viele Bewohner/innen dieses Kontinents scheinen immer noch nicht ausreichend von ihren Regierungen über künftige globale Anforderungen informiert. Und eine gesellschaftliche Entwicklung, die diese Bewohner/innen selbst mit angestossen haben - Stichwort Demografie.

(wird fortgesetzt)

Willkommen!

19. Juli 2015

“Nichts ist beständiger als der Wandel.”

Lieber Leser, liebe Leserin,
aufgrund vieler Diskussionen mit Kunden und Partnern und entsprechender Anfragen hat TILWORKS zum Jahresbeginn die Ausrichtung der Arbeit modifiziert: Schwerpunkt wird der Sozialstaat in den Teilen sein, in denen Bürger/innen über personenbezogene soziale Dienstleistungen versorgt werden - MENSCHENARBEIT.
Mit dieser Änderung ändert sich der Name des mit der Website www.tilworks.de verbundenen Blogs und seine Inhalte und Themen. Statt eher globaler demografischer Fragestellungen geht es vor allem um die Entwicklung der MENSCHENARBEIT als Teil sozialstaatlicher Demokratie.

Wir freuen uns weiterhin über das Interesse unserer kleinen und engagierten Community!

Klaus Bremen M.A. (TILWORKS)